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fbr-wasserspiegel 3/07
Jedem Haushalt einen Staudamm
Deutsche Regenwassertechnik in Japan
Klaus W. König, Überlingen |
Durch engagierte Partner in Tokio hat sich ein interessanter Markt für
deutsche Produkte zur Regenwassernutzung im Land der aufgehenden Sonne
entwickelt. Trotz gewaltiger Unterschiede in der Kultur und in der
Zivilisation zwischen Deutschland und Japan ist der Umgang mit
Regenwasser verblüffend ähnlich.
Das Zentrum der Regenwassernutzung Ostasiens liegt in Sumida,
einem Stadtteil von Tokio, mit 230.000 Einwohnern. Dr. Makoto Murase,
Leiter der Stabsstelle „Regenwasser", missioniert seit 20 Jahren in der
Kommunalpolitik des Inselstaates und verkündet: „Jeder Haushalt sollte
einen Staudamm für Regenwasser haben, insbesondere in der Großstadt!
Damit ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die unnötige
Belastung von Kanal und Kläranlage mit dem Regenwasser der Dachflächen
und die unsinnige Verschwendung des kostbaren Trinkwassers für die
Toilettenspülung."87.000 Kubikmeter Trinkwasser eingespart
Murase weiß, dass gerade in den extrem dicht besiedelten japanischen
Städten Minidämme für Regenwasser Platz sparend untergebracht werden
müssten. Er propagiert deshalb unterirdische Zisternen mit
vorgeschaltetem Filter. Im Stadtteil Sumida war seine eigene Verwaltung
Vorreiter. Beim Neubau des Rathauses 1990 wurde ein Tank im 2.
Untergeschoss aus Ortbeton gegossen. Dort werden die Niederschläge von
Dach und Terrassen des Hochhauses gesammelt und für die Fahrzeugwäsche
der Verwaltungs-Limousinen verwendet. In den zurück liegenden 16 Jahren
konnten so 87.000 Kubikmeter Trinkwasser eingespart werden. Als
ehemaliger Gesundheitsinspektor weiß Murase um die Vorsicht der Japaner
im Umgang mit möglichen Gesundheitsgefahren. Er hat sich schon 1994 in
Deutschland über die Qualität des Regenwassers informiert und stützt
sich bis heute auf die Untersuchungsergebnisse von Privatdozent Dr.
Reinhard Holländer vom Staatlichen Untersuchungsamt in Bremen. Dessen
Unbedenklichkeitserklärung für WC-Spülung und Wäschewaschen, sofern das
Regenwasser nur von Dachflächen stammt, deckt sich zwischenzeitlich mit
weltweiten Erkenntnissen. Mittlerweile sind 400 Regenspeicher im
Stadtteil Sumida installiert mit einer Kapazität von 12.000 Kubikmetern.
Bei den alljährlich im August stattfindenden Regenwassertagen im Rathaus
von Sumida bereitet man sogar den Grüntee für die Teezeremonie
demonstrativ mit Regenwasser zu! Im 2-jährigen Turnus wird diese
Konferenz international ausgerichtet und durch eine Ausstellung ergänzt.
1998 hat der hessische Filterspezialist WISY dort seine Produkte
erstmals präsentiert. Daraufhin haben die Japaner ihre
Demonstrations-Anlage mit diesen deutschen Filtern ausgestattet. Mit
seinem Bürgerverein „Freunde der Regenwassernutzung" ist es Murase
gelungen, die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit eines
Regenwasser-Museums zu überzeugen. Es wurde am 14.05.2001 in einer
ehemaligen Grundschule eröffnet, die wegen des Rückgangs der
Geburtenrate in Sumida leer stand. Produkte und Bücher zum richtigen
Umgang mit Regenwasser „Made in Germany" haben dort einen festen Platz
erhalten. Architekten, Ingenieure und öffentlich Bedienstete wurden
durch deutsche Referenten geschult. Inzwischen gibt es genügend
Referenzobjekte, die bei der Exkursion der Regenwassertage in Sumida
stolz präsentiert werden, obwohl die Filter nicht aus Japan stammen.
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Rathaus Sumida/Tokio seit 1990 mit Regenwassernutzung |

Fallrohrfilter im Dauertest, Regenwasser-Museum in Sumida/Tokio |

Städtische Regenwasser-Demo-Anlage mit Wisy-Filter in Tokio |
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Eines dieser Objekte ist das Einfamilienhaus von Shinji Munakata.
Der Architekt ist Mitglied im Bürgerverein und präsentiert mit Stolz den
3-geschossigen Neubau, den er in eine Baulücke mit nur 34 Quadratmeter
Grundfläche hineingezaubert hat. Der PKW beansprucht fast das gesamte
Erdgeschoss: Darunter liegt die Zisterne mit 5,1 Kubikmeter Volumen aus
Ortbeton. Das kleine Dach benötigt nur ein Fallrohr. Ein Wisy-Filter
trennt den Schmutz vom Regenwasser und liefert dem Regenspeicher 95
Prozent des Ertrags. Die Pumpe in der Garage zieht das Zisternenwasser
aus dem direkt darunter liegenden Speicher über eine schwimmende
Ansaugleitung entsprechend den Vorgaben der deutschen DIN 1989-1. Dieses
Produkt stammt, wie der Filter und der beruhigte Zulauf in den Speicher,
aus Kefenrod am Vogelsberg. Die Druckleitung zwischen Pumpe und
Verbrauchsstellen ist kurz und damit Kosten sparend. Schon 1 Meter nach
der Pumpe steht ein Zapfventil für Putzwasser und Fahrzeugwäsche zur
Verfügung, nach weiteren 5 Metern erreicht das Regenwasser die Toilette.
Raffiniert ist das Umschaltventil am Spülkasten, das der Betreiber bei
leerer Zisterne umstellt auf Trinkwasserzulauf Wie beim freien Auslauf
nach DIN 1989-1 und EN 1717 ist auch hier die Sicherheit des
Trinkwassernetzes gewährleistet durch einen entsprechend sicheren
Notüberlauf des Spülkastens. Mit der vereinfachten Methode nach der
deutschen DIN 1989-1 hat der japanische Architekt den Ertrag der kleinen
Dachgrundfläche von 34,15 Quadratmeter akribisch ermittelt. Dank des
Jahresniederschlags in Tokio von 1500 mm kommt er immerhin noch auf 36
Kubikmeter. Er hat dabei sowohl den hydraulischen Filterwirkungsgrad von
0,9 (Wisy-Fallrohrfilter) berücksichtigt als auch den Ertragsbeiwert der
Dachdeckung (geneigtes Hartdach) mit 0,8. Als Bedarf zum Spülen der
Toilette und zum Putzen von Böden und Fahrzeug stellt er für 4 Personen
73 Kubikmeter pro Jahr fest. Theoretisch wäre eine Verbrauchsdeckung von
50 Prozent also möglich. Doch die Speicherüberläufe bei den intensiven
Niederschlägen in der Monsunzeit lassen nur etwa 35 bis 40 Prozent
erwarten.
Katastrophenvorsorge
Beim Einfamilienhaus-Projekt Munakata ist auch die Dokumentation der
Kosten exakt und detailliert. Einschließlich Planung, Bauleitung und
Inbetriebnahme wurden in die Regenwasseranlage 437.500 Yen investiert.
Den Zuschuss der Stadtverwaltung Sumida abgezogen, bleiben 233.500 Yen
als Eigenanteil der Bauherrschaft. Das entspricht 1.500 Euro. Pro
Kubikmeter Speicher zahlt die Stadt 40.000 Yen, entsprechend 250 Euro.
Bei diesem Projekt mit 5,1 Kubikmeter Volumen bringt das 1.275 Euro
Entlastung.
Die Trinkwasserkosten sind in Tokio mit 1,10 €/m³ für Trink- und
Abwasser zusammen vergleichsweise niedriger als in deutschen
Großstädten. Der Tagesbedarf liegt bei 200 Liter pro Person (1251 in
Deutschland). Die Amortisation ist nicht das Motiv für die
Regenwassernutzung, sondern die Sorge, im Falle eines Erdbebens wie 1995
in Kobe von der städtischen Wasserversorgung tagelang abgeschnitten zu
sein, ohne Hilfe zu erhalten. „Das ist Katastrophenvorsorge. Außerdem
fördern wir das Bewusstsein der Bevölkerung, Regenwasser als Rohstoff zu
erkennen", rechtfertigt Murase den von ihm initiierten Geldregen für den
Zisternenbetreiber und fügt ein japanisches Sprichwort hinzu: „Die Sonne
ist die Geburtshelferin des Lebens, der Regen aber ernährt es." |
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